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Schock Güzel (Türkisch, Sehr Schön!)

(Eine Daily Soap über den Arbeitsalltag in einer MAE * Werkstatt am Rande des Arbeitsschutzes und weit unter dem Mindestlohn.) * Mehraufwandtsentschädigung

Berlin, draußen:
Arbeitsamt, Herbst, kurz vor Sonnenuntergang, dichter Nebel, ein eisiger Herbststurm wirbelt alte Blätter auf.

Die farblosen Agenten der Agentur für Arbeit sitzen streng aufge- reiht in einem Blätterwald, unter weißen Bäumen. Die Blätter, die an den Ästen hängen sind Formulare aus grauem Umweltpapier, hin- ten, vorne und um Platz und Gelder zu sparen* sogar noch in der Mitte bedruckt. Das Tippen von Schreibmaschinen, die Blätter wippen im Takt zu ihrem eintönigen Klang. Alles wirkt sehr verschlafen, trotz der täuschend echten Betrieb- samkeit. Dicker farbloser Agent sitzt hinter einem Schreibtisch gequetscht und bohrt in der Nase.

Geräusch: Klopfen an der Tür.

Asifa kommt mit einem elegant zum Turban gewickelten Kopftuch in aufrechter Haltung herein. Sie kämpft sich durch die abgefallenen Formular-Blätter ihren Weg zu einem sehr niederen Schemel vor dem viel zu hohen Schreibtisch. Ihr Gang wird auf dem beschwerlichen Weg zum Schreibtisch immer schleppender, ihre Haltung immer gebeugter. In dieser gebeugten Haltung schaut sie nach oben, hinauf zu dem riesigen, fetten Agenten.

Agent: Geschlecht?

Asifa, freundlich: Guten Tag!

Agent: Alter?

Asifa Natalia: Ich hätte gerne... 63

Agent: Schulabschluss?

Asifa: Abiture, ...eine Bestätigung...

Agent: Studium?

Asifa: Zur Arbeitsunfähigkeit, ... Medizin

Agent: Diplom?

Asifa: eins Komma Null...

Agent: ...können sie häkeln

Asifa: ähm...

Agent: Stricken?

Asifa: Nein

Agent schüttel verächtlich den Kopf: Nähen?

Asifa: Wunden?

Agent: Nein!!
Stopfen?

Asifa Löcher?

Asifas Turban verwandelt sich in einen blutgetränkten Kopfverband. Asifa erinnert sich daran, wie sie im kurdischen Bürgerkrieg einem angeschossenen Jungen ein Loch im Kopf zugenäht hat.

Asifa: Löcher... -Ja!!

Baum raschelt vehement mit seinen Blättern, Aktenbündel fallen von den Ästen und landen mit einem Knall auf dem Schreibtisch. Staub wirbel auf. Der Agent hüstelt.

Agent: da haben wir was für Sie.
...eine Textilwerkstatt im mittleren Osten der Stadt. Der Mehraufwand ist beschädigt.
Drum nur 1 Euro 50 auf die Stunde. Zusatzverdienst kostenlos.
„Stopfen für die fadenscheinige Öffentlichkeit. E.V.“
6 Stunden, sogar ohne Pause!
Hier unterschreiben, Sie können doch schreiben, oder?

Asifa: ....

Der gent greift Asifa am Turban, stempelt ihr eine Nummer auf die Stirn, schmeißt sie in die Schublade eines uralten, militärgrünen verrosteten Karteikartenregales und stößt die Lade zu. Berlin, 6:30 Uhr, Herbst

Asifa sitzt in der überfüllten U-Bahn, des modehauptstädtischen Berliner
Verkehrsverbundes. Die arbeitende und deshalb völlig übermüdete Bevölkerung ist mit Mobilen Telefonen verknotet. Ein abgemagertes Supermodel, langbeinig und trotzdem arbeitslos bahnt sich einen Weg durch den Mittelgang. Das bleierne Gewicht eines Stapels hochglänzender Zeitschriften auf dem Arm lässt sie beinahe zusammenbrechen:
„Guten Morgen, mein Name ist Claudia, Claudia Schiffer, ich will sie nicht nerven, aber ich bin arbeits- und obdachlos, verkaufe für ein gesundes blankes Knäckebrot meine Seele inklusive dem Abo der deutschen Vogue„
Hinter ihr in einer Schlange aufgereiht der schwule Bürgermeister: „Guten Tag, ich bin bald arbeitslos und will sie nicht nerven...„

Berlin, früher Morgen, eiskalt

Verwaiste Strasse führt zu einem verwaisten Hinterhof eines verwaisten Industriegebietes.
Der Wind weht zerknülltes, vergilbtes graues Ämter-Papier vor sich her und weist Asifa den Weg zu ihrer neuen Arbeitsstätte. „Werkstatt der Stopfen für die fadenscheinige Öffentlichkeit E.V.„

Drinnen: Schmutziges Sonnenlicht kämpft sich durch die zerknickte Jalousie einer schmierigen Fensterscheibe und wirft einen Schlagschatten auf das tätowierte Gehirn eines alkoholsüchtigen Ex-Häftling und Heimkind mit Migrationshintergrund.

Zur selben Zeit an einem anderen Ort der Metropole....

* nicht etwa aus umweltschonenden Gründen